Die Eidechse kennt den Weg
Das Herz Ischias schlägt in Ponte, genau genommen an der Steinbrücke zwischen dem Fischerdorf und der malerischen Burginsel „Castello Aragonese”. Rechts und links legen die Fischerboote an, verfolgt von hungrigen Möwen und neugierig beäugt von gel- ben Katzen. Treffpunkt für die Einheimischen ist die Coco-Bar gleich nebenan. „Den besten Espresso der Insel macht unser Salvatore”, schwören die Kenner, „und im kleinen Restaurant gibt es den besten Fisch.”
Die ersten Gäste aus dem Norden werden freundlich in ein Schwätzchen mit einbezogen, Fischer, Geschäftsleute und Touristen sitzen gemeinsam in der Frühlingssonne und schlürfen den schwarzen Muntermacher. „Von Februar bis April ist Ischia eine Oase der Ruhe,” erklärt Michele Jacono, Mitglied des Gemeinderats und Hotelier: „Im Frühling kommen unsere Stammgäste, vor allem Norditaliener. Das milde Klima lässt sie den Winter vergessen, unsere Thermalbäder sind noch nicht überfüllt, und die Preise günstig.” Und das Wetter? „Viel Sonnenschein. Natürlich regnet es ab und zu mal, aber auf Ischia geht nie ein ganzer Tag durch Regen verloren.”
Wahrzeichen Ischias ist die Aragonerburg. Hinter dem 220 Meter langen Damm aus dem 15. Jahrhundert erhebt sich der Vulkanfelsen 113 Meter über dem Meeresspiegel. Im Jahre 474 v. Chr. bauten Griechen aus Syrakus hier eine Festung. Allein schon der Blick auf die Gassen von Ponte, auf das angrenzende elegante Porto und die blühenden Zitronen- und Orangenhaine lohnt den Aufstieg auf dem alten Saumpfad – bequemer ist natürlich die kurze Fahrt mit dem Aufzug
Über den Burgberg führen zwei Rundwege mitten durch frühsommerlich blühende Gärten mit ständig wechselnden Ausblicken auf Sorrent und den Golf von Neapel, die Nachbarinseln Capri und Procida und den oft wolkenverhangenen Vesuv.
Porto ist wohl die beste Adresse für einen Ischia-Besuch in der Vorsaison. In den schicken Straßen rings um den kreisrunden Haupthafen (ein ehemaliger Vulkankrater) ist auch in der Vorsaison etwas los. In den Espressobars oder Fischrestaurants, auf den Bänken oder einfach nur auf der Hafenmauer sitzen die Einheimischen mit wattierten Jacken und bestaunen die wenigen Gäste aus Deutschland in ihren T-Shirts.
In der Bar gibt es Einzeltickets für 1 € (Gültigkeit 90 Minuten) oder Tageskarten für 4 € für den Inselbus, der alle 20 bis 30 Minuten vom gegenüber liegenden Busbahnhof startet und dabei entweder rechts herum (Aufschrift CD) oder gegen den Uhrzeigersinn um die Insel (Aufschrift CS) fährt. Mit ihm erreicht man innerhalb einer Stunde fast jeden Ort auf Ischia. Besonders lohnenswert ist ein Bummel durch die Altstadt von Forio mit ihren Wehrtürmen und zahlreichen Kirchen. Süditalienisch lebhaft geht es an der Hafenpromenade vor dem Fähr-, Jacht- und Fischerhafen von Casamicciola zu, dem traditionsreichsten Kurort.
Beschaulicher ist ein Bummel durch das verträumte Laco Ameno mit dem berühmten „Fungo”, dem merkwürdig geformten Vulkanfelsen, der wie ein Pilz aus dem Meer emporwächst. Auch den schön gelegenen Ort Sant Angelo kann man direkt per Bus erreichen. Zwar ist das Meer noch zu kalt zum Baden, doch vor den Cafés am Hafen mit den bunten Fischerbooten wird das erste Eis in der Sonne serviert.
Noch schöner ist jetzt ein Spaziergang von Testaccio aus zum Marontistrand. Dort erwarten den Besucher bis zu 100 Grad heiße Dämpfe, die aus so genannten Fumarolen entweichen, und warme Quellen im seichten Wasser. Nach dem Abtrocknen geht es dann barfuß über Sand und Kies zwei Kilometer am Ufer entlang bis zum andern Ende der Bucht, wo der Linienbus Nr. 5 bequeme und billige Rückfahrt nach Porto bietet.
Im milden Klima der Vorsaison sind Ausflüge in die Vulkanberge besonders reizvoll, vor allem, wenn die subtropische Flora ihre Pracht entfaltet und die Insel vom Duft des Ginsters erfüllt ist. Die beliebtesten Wanderwege wurden ausgebaut und mit dem Zeichen der Eidechse markiert. Jeder Weg hat ein Thema und ist mit einer anderen Farbe gekennzeichnet.
Da gibt es zum Beispiel den „Wanderpfad des großen Kraters” (rote Eidechse), der durch Kastanien-, Steineichen- und Meerkirschenwälder zum „Fondo Ferraro”, dem größten Krater der Insel mit toller Aussicht auf den Golf führt. Krönung einer vierstündigen Wandertour ist die Besteigung des Monte Epomeo, mit 789 Metern der höchste Berg . Der Aufstieg ist ungefährlich, oben liegt die Insel dem Wanderer buchstäblich zu Füßen. „Das Bergrestaurant hat das ganze Jahr über geöffnet”, versichert Hotelier Michele Jacono, „aber Einheimische finden Sie kaum hier oben. Nur am Ostersonntag, dem einzigen Tag im Jahr, an dem wir selber wandern.”
Rolf Wilms – Derwesten.de

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